Im vorigen Artikel der Serie Musik, ein Katalysator für Emotionen ging es um die Wahl der Tonart. Machen wir weiter, heute mit dem Tempo.
Neben der Tonart ist das Festlegen des Tempos eines der ersten Details, die man beim Schreiben oder Interpretieren eines Songs bedenkt. Wie schon zur Tonart gesagt, ähnelt dieser Prozess der Wahl einer Farbpalette vor dem Malen, denn er beeinflusst die emotionale Wirkung des Songs stark.

Wie das Tempo unsere Emotionen beeinflusst
Bei der Wahl eines Tempos spielen viele Faktoren eine Rolle, etwa das Genre des Songs. Ein schnelles Tempo kann zu einer lebhaften Tanznummer passen, während ein langsameres Tempo eine Liebesballade besser trägt. Auch die beabsichtigte emotionale Wirkung des Songs ist zu bedenken. Ein schnelles Tempo kann Aufregung und Energie vermitteln, ein langsames Tempo Trauer oder Nachdenklichkeit.
Ein klassischer Song, der die Bedeutung des Tempos zeigt, ist After You've Gone. Dieser Song über eine Trennung wurde 1918 von Turner Layton und Henry Creamer komponiert. Sein Tempo ist langsam und klagend, was die kummervolle Stimmung des Textes perfekt einfängt. Über die Jahre gab es viele großartige Coverversionen, aber zwei meiner persönlichen Favoriten stammen von Nina Simone und Django Reinhardt:
Obwohl es derselbe Song ist, wecken Ninas und Djangos Interpretationen unterschiedliche Emotionen. Ninas Version ist langsam und melancholisch, mit Fokus auf den Text und ihre einzigartige Stimme, und formt ein tiefes Gefühl von Trauer und Sehnsucht. Die Musik ist minimalistisch, mit nur wenigen Klavierakkorden, was die Leere und Einsamkeit des Textes betont.
Djangos Version dagegen ist beschwingt und lebhaft, mit schnellem Tempo und starkem Fokus auf das Gitarrensolo. Im Mittelpunkt steht die Musik, der Text ergänzt die fröhliche, muntere Melodie. Das Gitarrensolo ist der Höhepunkt des Songs, Djangos Virtuosität leuchtet in jeder Note auf. Trotz gleicher Tonart und gleichen Textes sind diese Versionen so verschieden, wegen ihres Tempos, ihrer Interpretation, ihrer Instrumentierung und des emotionalen Kontexts, in dem sie gespielt wurden.
Wie du das Tempo eines Songs erkennst
Um das Tempo eines Songs zu erkennen, zähle 15 Sekunden lang die Schläge und multipliziere das Ergebnis mit 4 (🤫 eine App kann dir dabei helfen). Eine gute App heißt „The Metronome“. Tippe einfach im Takt des Songs auf den Bildschirm deines Handys, und die App zeigt das Tempo an. Alternativ kannst du ein Online-Metronom oder eine Website wie SongBPM nutzen, um das Tempo eines bestimmten Songs zu finden.
Das BPM (Schläge pro Minute) bestimmt die Dauer der Notenwerte. Ist das BPM etwa ♩=60, dauert eine Viertelnote eine Sekunde. Kurz gesagt: Das Tempo legt die Geschwindigkeit eines Musikstücks fest.
Die emotionalen Komponenten des Tempos
Emotionen haben zwei Hauptkomponenten: Erregung (Arousal) und Valenz. Diese psychologischen Begriffe beziehen sich auf Stimulation bzw. Anziehung/Abneigung.
Das Tempo der Musik wirkt auf die Erregung, die mit der Aktivierung der Neurotransmitter zusammenhängt, die für kortikale Aktivität und das Gefühl von Wachheit verantwortlich sind. Das Tempo allein entscheidet jedoch nicht, ob jemand einen Song mag oder nicht. Es löst vielmehr eine körperliche Stimulation aus, die emotionale Folgen hat.
Normalerweise liegt der menschliche Herzschlag zwischen 60 und 100 Schlägen pro Minute. Das ist eine wichtige Tatsache für Komponisten, denn unser Körper ist das Gefäß unserer Erfahrungen. Diese Erfahrungen, vom Körper vermittelt, werden in Emotionen übersetzt. Vergiss also nicht, dass die Funktionsweise des Körpers bestimmt, wie wir Dinge wahrnehmen. Wenn wir zum Beispiel einen Song als schnell oder langsam beschreiben, vergleichen wir ihn mit unserem Herzschlag.
Unten stehen vier verschiedene Stimmungen und der zugehörige Herzschlag.

🤯 Das Tempo eines Songs wird von unserem Gehirn interpretiert, verknüpft mit der Emotion, die wir einem bestimmten Herzschlag zuordnen.
Überzeuge dich selbst! Öffne eine deiner Partituren in deiner Notationssoftware und probiere verschiedene Tempi aus. Achte darauf, wie dich jedes Tempo fühlen lässt.
Zurück zum Körper: Wenn du entspannt bist, liegt dein Herzschlag bei etwa 90 BPM. Ein Tempo von 90 BPM kann daher Entspannung hervorrufen, 120 BPM eher nicht.
Das Tempo kann durch eine geschriebene Anweisung angegeben werden (siehe Beispiel 1) oder einfach durch Angabe des BPM (siehe Beispiel 2).


Kehren wir nun zu After You've Gone zurück. Ninas Interpretation liegt bei etwa ♩=60, einem Larghetto. Djangos liegt bei ♩=132, einem Allegro. Wie die Liste unten zeigt, stimmen meine Gefühle von Trauer (bei Simones Version) und Freude (bei Djangos Version) mit dem von den Interpreten gewählten Tempo und den mit diesem BPM verbundenen Emotionen überein.

Das Tempo in einem Song ändern
Das Tempo zu ändern ist eine hervorragende Möglichkeit, einem Song emotionale Nuancen zu verleihen. Das kann das Erleben des Publikums erweitern und unsere Arbeit ansprechender machen.
Hören wir uns Ella Fitzgeralds Interpretation von After You've Gone an.
Vom Adagio an steigt das Tempo bei 1:30 zum Allegro. Dieser Wechsel bringt eine interessante Bedeutungsebene. Ellas Interpretation ermöglicht eine tiefere Verbindung zwischen dem Publikum und der Geschichte hinter der Komposition. Sie lässt mich spüren, dass sie wirklich eine Trennung durchmacht, was traurig ist, aber auch, dass sie es überstehen wird, weil das Leben weitergeht.
Das Tempo bewusst festzulegen ist beim Komponieren entscheidend. Es steigert nicht nur unsere Ausdruckskraft und Präzision, sondern verstärkt auch die emotionale Wirkung und vertieft unsere Verbindung zu einem Song.
In den nächsten Artikeln erkunden wir die Konzepte Melodie und Harmonie im Detail.
Bis dann!
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